Pegida und Willkommen

Pegida und Willkommenskultur

05.01.2016 17:28 Uhr | NDR.de NDR Kultur

Auszug aus Online Wiedergabe des Interviews mit Prof. Dr. Armin Nassehi, Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München

„Die Diskussionen über Köln sind vergiftet“

http://www.ndr.de/ndrkultur/Zur-Diskussion-ueber-die-Uebergriffe-am-Koelner-Hauptbahnhof,journal200.html

Das Interview führte Ulrich Kühn.

„… Ulrich Kühn : Es hat bereits früher schon Mahnungen gegeben, das Thema geschlechtsspezifische Gewaltausübung durch Männer aus anderen Kulturen werde unterschätzt, etwa in Flüchtlingsunterkünften. Gibt es einen blinden Fleck in der deutschen Willkommenskultur?

Nassehi: Ich fürchte, es gibt viele blinde Flecke, sowohl in der Willkommenskultur, als auch in der Kritik an der Willkommenskultur. Wir tun uns und den Flüchtlingen keinen Gefallen, wenn wir weggucken. Es gibt womöglich Probleme mit einer Maskulinisierung des öffentlichen Raums: Wenn junge Männer den ganzen Tag nichts zu tun haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie kriminell werden – vergleichsweise kulturunabhängig.

Ein viel schlimmeres Problem könnte sein, dass wir es in fast allen deutschen Großstädten zurzeit mit einer Clan-Kriminalität zu tun haben, die durchaus sehr stark von Leuten mit Migrationshintergrund betrieben wird. Dagegen muss man offener vorgehen, auch im Interesse derer, die als Migranten in Deutschland Fuß fassen wollen. Wenn wir diese Diskussion angemessener führen, dann ist das Instrumentalisieren auch nicht so leicht.“


 

Leider hat sich die Gruppe der Unzufriedenen in Dresden nun über ein Jahr hinweg nicht aufgelöst, daher hier weiter der eine oder andere Hinweis auf die Auseinandersetzung mit dem Phänomen
26.12.2015 Zeit-Online:
Maas will schweigende Mehrheit der Deutschen hören.
„Mal den Mund aufmachen“: Der Justizminister fordert mehr Widerrede gegen rassistische Hetze – in der Kneipe und beim Fußball. Pegida-Demos sollen nicht verboten werden…
19. Dezember 2015 Süddeutsche Zeitung – Online
„Pegida schwächelt“
29.10.2015 Tagesspiegel-Online:
Zu den Verschwörungstheorien der Pegida – gefunden im Tagesspiegel online

01. Februar 2015 Hinweis auf „No-Pegida“
In der letzten Woche hat es Änderungen bei den Organisatoren der Pegida in Dresden gegeben.
Noch lösen sich die Legida oder andere ähnlich radikale Ableger aber nicht auf. Die Abspaltung in Dresden firmiert wohl unter dem Namen „Bewegung für direkte Demokratie in Europa“ (BDDE).
Vielleicht ist daher der Name Pegida nun schon bald „Geschichte“ – die Themen Ausländerfeindlichkeit, Ausgrenzung, Rassismus und die zunehmende „Salonfähigkeit“ völkischer „Werte“ sind gegenwärtiger denn je.
Unter http://www.nopegida.org/ werden die aktuellen bunten Demonstration in deutschen Städten zusammengestellt.

31. Januar 2015 LEIPZIG
„Nur“ 1500 Islam-Gegner protestieren in Leipzig „Legida“-Demonstration – bei rund 5.000 Gegendemonstration in Schneeschauern und im eiskalten Wind unter anderem bei der Kundgebung von „Leipzig Courage zeigen“.

26. Januar 2015 MAGDEBURG
Zur zweiten Demonstration des Pegida-Ableger Magida in Magdeburg kamen nur 800 Magida-Anhänger wärend 2.500 Magdeburger und zahlreiche Abgeordnete für ein weltoffenes Magdeburg demonstrierten.

26. Januar 2015 DRESDEN
Zehntausende bei Konzert für ein weltoffenes Dresden!

19. Januar 2015
Anti-Pegida-Proteste überwiegen deutlich in Leipzig, Magdeburg und München!
6.000 Magdeburger demonstrieren:
„No Magida. Für Dialog Weltoffenheit Toleranz“
Online Bericht in der Zeit:
Zehntausende demonstrieren bundesweit für Toleranz

14.01.2015 TU Dresden
Studie über Pegida – T-online-Bericht
Mehrheit geht nicht wegen Islam auf die Straße

13.01.2015 Berlin
MZ-Online
Mahnwache am Brandenburger Tor
Gauck ruft nach Pariser Terror zu Weltoffenheit in Deutschland auf:
WIR ALLE SIND DEUTSCHLAND

Textauszug: DIE ZEIT vom 30.12.2014 / Feuilleton, S.44
„Pegida ist überall
VON GESINE SCHWAN:
Die Dresdener Pegida-Demonstrationen der letzten Wochen haben erhebliche Sorgen um den inneren Frieden in Deutschland ausgelöst. Für viele ist es unverständlich, dass die Demonstranten vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ warnen in einem Bundesland mit so wenig Muslimen; auch in der gesamten Bundesrepublik leben nur circa fünf Prozent Muslime. Viele verstehen nicht, warum sich immer mehr Menschen den Demonstrationen anschließen, neben den Rechtsextremen eine erhebliche Zahl von Bürgern „aus der Mitte der Gesellschaft“. Einig sind sich die meisten Kommentatoren darin, dass eine „Islamisierung des Abendlandes“ nicht drohe, dass die Motive der Demonstranten sich also nicht aus der genannten Bedrohung speisen könnte, dass sie aber auf Ängste verwiesen, die ernst zu nehmen seien. Wie reimt sich das zusammen? …..

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Antisemitismus nicht von den Juden rührt, dass er überdies dort besonders stark ist, wo es wenige oder gar keine Juden (mehr!) gibt. Dasselbe gilt für Ausländerfeindlichkeit, auch für Muslim- oder Islamfeindlichkeit. Sie blüht besonders dort, wo man mit konkreten Muslimen – als Kollegen am Arbeitsplatz oder im Sportverein – wenig oder nichts zu tun hat, keine menschlichen Beziehungen mit ihnen eingegangen ist.

Vorurteil und Ressentiment machen sich vielmehr an den Gruppen fest, die bedrohlich wirken (früher die Bedrohung durch die „jüdische Weltherrschaft“, heute durch die „Islamisierung des Abendlandes“), zugleich aber de facto schwach genug sind, um sie gefahrlos angreifen zu können; die vor allem, in der Wahrnehmung derer, die die Vorurteile hegen, von breiten Teilen der Gesellschaft abgelehnt oder gering geschätzt werden. So können sich Ressentiment und Vorurteil eingebettet fühlen im „breiten“ Volk. …..

Deshalb sind auch die Teilnehmer aus der „Mitte der Gesellschaft“ nicht verwunderlich. Historisch waren Anhänger und Wähler der Nationalsozialisten nicht die sozial Armen – die waren bei Sozialdemokraten, Gewerkschaften und Kommunisten organisiert und sahen in diesem Kontext ihre positive Zukunft noch vor sich. Anders die von Abstiegsängsten Bedrohten und von Arbeitslosigkeit Gedemütigten, Mitglieder der Mittelschicht, auch des Bildungsbürgertums, die sich vor der Zukunft ängstigten und keineswegs gegen den Antisemitismus gefeit waren, im Gegenteil…..
Europa hat – im Kontext immer größerer globaler Diskrepanzen nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb von Nord und Süd – eine gefährliche Entwicklung genommen, die sich gerade viele Deutsche nicht vergegenwärtigen, weil sie auf einer Insel der „Wirtschaftsseligen“ zu leben meinen. Die Flüchtlingsströme werden nicht so schnell aufhören. Wenn wir nicht bald aufrichtig sagen, was uns erwartet, umsteuern und vor Ort wie global Solidarität praktizieren, werden Ängste und Feindseligkeit bei uns wie anderswo so zunehmen, dass wir sie vielleicht nicht mehr steuern können.
Wir müssen auf allen Ebenen politisch und zivilgesellschaftlich handeln: vor Ort gegen soziale Isolierung und aggressive Vorurteilsbereitschaft, im Staat gegen die schamlose Durchsetzung von Partikularinteressen gerade derer, die gar nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, in Europa gegen ein verachtendes Desinteresse an den ärmeren Staaten, in denen ebenfalls viele Reiche leben, und zugleich global, weil die gegenseitige Interdependenz einen ganzheitlichen Ansatz der Umkehr erfordert.
Wer zumal angesichts der deutschen Geschichte die Bedrohlichkeit und das mörderische Potenzial von Vorurteilen und aggressiven Ressentiments nicht zur Kenntnis nimmt, wer ignoriert, dass der Gegenstand von Ressentiments austauschbar ist, weil sie einen ganz anderen Ursprung als den öffentlich vorgetragenen haben, der handelt verantwortungslos. Viele meiner jüdischen Freunde fühlen sich durch antimuslimische Vorurteile genauso bedroht wie durch antisemitische. Die jüngsten Stellungnahmen des Zentralrats der Juden zu Pegida belegen das.
Gesine Schwan“

Link zum vollständigen Beitrag von Frau Schwan (kostenpflichtig verfügbar)

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Link zur Schwerpunktseite Pegida der MZ
http://www.mz-web.de/themen/pegida,25520402,29347438.html

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