Arbeitsplätze in Schlachthöfen

AKTUELLE BERICHTERSTATTUNGEN ZUM THEMA ARBEITSPLÄTZE IN GROSS-SCHLACHTHÖFEN

16.04.2014 MZ-Online – 19:00 Uhr (Auszug)
Tönnies
Acht Werkvertragsfirmen gebunden
„…Mit acht Werkvertragsfirmen stellt sich das Tönnies-Fleischwerk angesichts der zugespitzten Facharbeitersituation den Aufgaben im Weißenfelser Schlachthof. Im Jahr 2012 wurden mit 2 200 Mitarbeitern 4,2 Millionen Schweine verarbeitet und ein Umsatz von 900 Millionen Euro erzielt. Da wurden bereits 50 Prozent der Produkte ins Ausland exportiert. Die eigenen Mitarbeiter werden branchenüblich bezahlt. Laut dem Angeklagten gehe er bei der Werkvertragsfirma mit 1 000 Euro nach Hause…“

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16.04.2014 MZ-Online – Aktualisiert 16.04.2014 19:10 Uhr (Auszug)
Prozess am Landgericht Halle
Von HEIKE RIEDEL
Vorarbeiter entkommt knapp dem Tod
Ein Bandarbeiter im Tönnies-Fleischwerk Weißenfels soll mit einem Fleischermesser einen 31-Jährigen lebensbedrohlich verletzt haben. Seit Mittwoch wird der Fall am Landgericht in Halle verhandelt.
HALLE (Saale)/MZ.
„…Der 31-jährige Vorarbeiter einer polnischen Firma, die über Werkverträge seit Jahren im Tönnies-Fleischwerk in der Zerlegung arbeitet, hat Glück gehabt. Dank schneller Hilfe und einer Not-OP hat er überlebt, nachdem ihm am 29. Mai 2013 ein 22 Zentimeter langes Zerlegemesser in die linke Thoraxflanke gestoßen wurde. Seit Mittwoch muss sich einer seiner Landsleute vor dem Landgericht in Halle dafür verantworten. Diesem werden versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Dafür droht laut Pressemitteilung eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren und neun Monaten.
Beleidigungen waren an der Tagesordnung
Der Angeklagte hat eingeräumt, das Messer geführt, allerdings nicht zugestoßen zu haben. Nach seiner Darstellung ist das Opfer auf ihn zugelaufen. Und rumgefuchtelt wurde mit den Messern, die Arbeitsmittel für die etwa 20 in der Schicht an dem Band beschäftigten polnischen Arbeiter waren, oft. Vor allem dann, wenn es um Kritik ging. Weniger darum, ob diese gerechtfertigt war oder nicht, mehr, weil diese nach Darstellung des Angeklagten mit Beleidigungen verbunden war. Schimpfworte hätten viele getroffen, doch für ihn, der im Vergleich zu seinen Mitstreitern eher klein und schmächtig ist, habe der Vorarbeiter nicht nur zu den härtesten polnischen Schimpfworten gegriffen, sondern ihn auch geschubst, geschlagen, auf einen kleinen Tisch gedrückt, Folie um seinen Kopf gelegt, Gegenstände geworfen.
Das alles hatte das Schöffengericht vor allem mit Hilfe der beiden Verteidiger des Angeklagten herausgearbeitet, bevor es zum Geschehen am Tattag kam. Erst einmal kam der Geschädigte zum Tathergang zu Wort. In einer der nächsten Verhandlungen soll der Angeklagte die Details dieser Ereignisse darstellen. Die Strategie der Verteidigung zeigte in den Gästereihen schon Erfolg, in denen junge Menschen eines Bildungsträger saßen. Sie äußerten: „Wer ist hier Täter, wer Opfer?“
Videos sollen Mobbing beweisen
Beide Seiten verwiesen auf Zeugen und Beweismittel, die es in Form von Videoaufzeichnungen am Band geben soll. Die Zeugen sollen im Interesse des 48-jährigen Angeklagten bestätigen, wie der Vorarbeiter immer wieder Menschen schikaniert habe und ganz besonders jenen Arbeiter, der wegen seiner finanziellen Verhältnisse auf die Arbeitsstelle bei der Werkvertragsfirma angewiesen war…
„Ich muss kritisieren, wenn die Schnitte nicht sauber geführt wurden“, sagte er, sonst würden die Teile von den Kunden nicht abgenommen. „Wir stehen unter Druck und diesen gebe ich weiter.“ Nach dem Vorfall sei die Aufgabe am Band tatsächlich an einen anderen Werkvertragspartner übertragen worden. Er und seine Mitarbeiter ständen jetzt an einem anderen Band…“

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Reportage in Deutschlandradio Kultur vom 19.11.2013
(Textausschnitt, siehe Link unten zur Mediathek des DRadio)
Von Alexander Budde
Fleischindustrie Schweine zerlegen im Akkord
Ausbeutung osteuropäischer Wanderarbeiter in Deutschlands Schlachthöfen
In der fleischverarbeitenden Industrie herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Lohndumping, unterschlagene Sozialleistungen und schreckliche Unfälle – der rumänische Leiharbeiter Emilian erzählt von unhaltbaren Arbeitsbedingungen.
„… An diesem Sonntag sitzt Emilian auf dem Sofa. Der Rumäne ist Mitte 40. Er hat eine stämmige Statur. Müde Augen blicken aus einem runden Gesicht mit Stoppelbart. ….
Die Wut pocht schwer in seiner Brust. Der stolze Familienvater will erzählen: von einer Branche, in der es nur ums Fressen und Gefressenwerden geht. Und von einem Wettbewerb um billiges Fleisch, in dem sich wehrlose Lohnarbeiter aus Osteuropa ganz unten in der Nahrungskette wiederfinden.
“Ich hatte schon in Rumänien in einem Schlachthof gearbeitet. Nach der Schule habe ich erst ausgeholfen, dann habe ich den Schlachterberuf erlernt. Bei uns ist alles mechanisch, das Band ist immerzu in Bewegung. Du musst das Handwerk beherrschen und unheimlich schnell mit dem Messer sein. Mich schreckt das nicht. Die Arbeit selbst hat mir immer Freude bereitet. Ich habe schon Säue, Bären und Schafe zerlegt. Und ich bin auch heute noch mit Leidenschaft dabei.“
2004 holt ihn ein Landsmann nach Deutschland – mit dem Versprechen auf guten Lohn für gute Arbeit. Doch Emilian schuftet fortan für rumänische Subunternehmer. Die haben Werkverträge mit deutschen Schlachthöfen geschlossen, die billig produzieren wollen. Aufträge wie etwa das Abtrennen Tausender Schweineschinken vergeben die Schlachthöfe zum Festpreis an die Fremdfirmen. Die wiederum hetzen das Personal. …
Von einer prekären Beschäftigung zur nächsten
Aber die Freude hält nicht lange. Emilian zieht wie ein Wanderarbeiter durch Deutschlands Schlachthöfe, weitergereicht von einer prekären Beschäftigung zur nächsten. Es geht von München nach Dortmund, von Dortmund nach Nürnberg, von Nürnberg nach Oldenburg. Emilian zerlegt Schweine im Akkord – vom frühen Nachmittag bis morgens um vier. Für Stundenlöhne von fünf bis zehn Euro anfänglich, bisweilen wird er auch nach Stückzahl entlohnt.
Immer wieder, so Emilian, betrügen ihn seine Bosse um einen Teil seines Lohns. Sie unterschlagen Sozialleistungen und hinterziehen Steuern.
“Das sind Mafiosi! Die betrügen die Menschen um ihren Lohn! Wenn Sie mich fragen: Die fleischverarbeitende Industrie in Deutschland ist völlig ruiniert. Kaum jemand kann noch von seiner Arbeit leben. Die Kunden an der Theke zahlen für das Kilo Hackfleisch 1,99 Euro. Wer bei solchen Preisen noch Profit machen will, muss die Rumänen zu Tausenden vom Feld holen. Diese Billiglohnarbeiter haben keine Krankenversicherung. Aber es passieren die schrecklichsten Unfälle: Die Leute schneiden sich die Hände ab, weil sie keinerlei Erfahrung mit Messern und Maschinen haben.“
Emilian sagt, er sei ein ehrlicher Mensch. Einer, der laut und vernehmlich seine Meinung sagt. Er hat vor Gericht gegen einen früheren Chef ausgesagt, der ihm nach der Insolvenz des Unternehmens gleich mehrere Monatsgehälter schuldig blieb. Er hat sich mit der Bitte um Rat und Tat an die Gewerkschaft gewandt. An die heilenden Kräfte durch Mindestlohn und Tarifvertrag mag er dennoch nicht glauben. In der Fleischindustrie herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf, Lohndumping ist an der an Tagesordnung, sagt Emilian. Er hat nicht den Eindruck gewonnen, dass die deutschen Behörden irgendeine Aufsicht führen.
“Zweimal habe ich das erlebt, dass die Kontrolleure kamen. Über dem Schlachthof schwebten Hubschrauber. „Haut schnell ab!“, brüllten da die Vorarbeiter – und rissen sämtliche Türen auf. Dann rannten wir wie die Hasen in sämtliche Himmelsrichtungen davon. Aber am nächsten Morgen waren die Kollegen alle wieder da. Es war eine Stimmung als hätte es auf einem Fest einen schlimmen Regen gegeben.“ …“

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