Joachim Hennecke: Die Geschichte der Bernburger Bären am Schloss

Geschichte der Bären in Bernburg
Von Joachim Hennecke
Viele Bernburger trauern um die beiden Bären im Zwinger am Schloss in Bernburg: Am 21. Februar 2017 starb Benji (27) plötzlich und unerwartet an Altersschwäche, seine Schwester Bonny musste am 13. August 2018 krankheitsbedingt eingeschläfert werden. Die beiden Wurfgeschwister waren 1990 als letzte Bären am Bernburger Schloss zur Welt gekommen.
Neben den MZ-Berichten und der öffentlichen Diskussion darüber, ob die Haltung der Bären im Zwinger am Schloss überhaupt noch zeitgemäß ist, hat sich Ortschronist Joachim Hennecke die Mühe gemacht und die Geschichte der Bären in Bernburg aufgeschrieben. Hennecke hat in Archiven gestöbert und eine Reihe von Fotografien und Reproduktionen zusammengetragen. Sie sollen einzig die Geschichte der Bären in Bernburg illustrieren.
Die Teile seiner Chronik wurden 2017 in unbestimmten Abständen im Bernburger Kurier der Mitteldeutschen Zeitung veröffentlicht.

  • Erster Teil

Im Oktober 1860 zog das erste Tier ein

Bären im Zwinger am Schloss in Bernburg Foto: privat/Hennecke

Der „Russe“ macht Unfug
Der Einzug des ersten Tieres erfolgte am 1. Oktober 1860 in den neuen Zwinger, der in den Jahren 1859/60 am Schloss entstand.
Jeder Bernburger ist gewiss sehr stolz auf die Bären, die seine Heimatstadt als ihr Wahrzeichen im Bärengehege am Schloss und im Tiergarten beherbergt. Schon immer wurde wohl jeder Besucher der Stadt zuerst auch zum Bärenzwinger am Schloss geführt, und Einheimische sowie Fremde erfreuten sich an dem ergötzlichen Spiel der kleinen Bärenteddys, die von der Bärenmutter auf Bärenart erzogen wurden.
Es ist bemerkenswert, dass man fast überall dort, wo Bernburgs Name erklingt, sogleich an die Bärenstadt denkt und dem Namen der Stadt damit wie selbstverständlich eine Deutung gibt. So mancher Bürger glaubt, dass die Bären in unserem Ort gehalten werden, weil die Stadt ihren Namen danach bekommen hat.
Heute wissen wir, dass es damit nicht zusammenhängt, und nach den Ergebnissen der heimatlichen Forschung zumindest auch nicht die wahrscheinlichste Deutung ist. Bernburg ist in der Ferne Bärenburg, und Bärenburg ohne Bären ist einfach undenkbar.
War der Bär zwar nie Bernburgs Wappentier, so wird jedoch der anhaltische Bär erstmals vom Bernburger Fürsten Bernhard III. (er regierte von 1323 bis 1348) als Reitersiegel verwendet und ziert seither als markantes Signet, als „Logo“, das Bernburger Land.
Die Askanier und Albrecht der Bär, als Gründer des Fürstentums Anhalt, begannen erst ab 1328 zögerlich, sich des Bären als Wappentier zu bedienen. Eine Bärenhaltung im Tiefen Graben der Burg des Mittelalters ist nicht sicher belegt.

Foto: privat/Hennecke

Bären war eher ein Zufall
Die Bären selbst aber verdankt Bernburg eigentlich mehr einem Zufall. Aus der Erinnerung einiger Bernburger Persönlichkeiten, insbesondere der 1935 in Ballenstedt verstorbenen Frau von Stach, der Tochter des früheren Landrates Bunge, dem Schlossdiener und Bärenvater Christian Leinert (geboren am 14. Dezember 1846, Kriegsteilnehmer 1870/71) sowie Bärenvater Heinrich Sack, ist Bernburgs Bärengeschichte bekannt geblieben.
Der Einzug des ersten Bären erfolgte am 1. Oktober 1860 im neuen Bärenzwinger im vormaligen Bärengraben“. Es war ein junger russischer Braunbär, den der Anhalt-Bernburgische Premier-Leutnant Adolf Steinkopff als Geschenk russischer Freunde von einem in Russland verlebten Urlaub mit in die Heimatstadt brachte.
Erster Bär ließ sich anfassen und kraulen
Den kleinen zutraulichen Bären führte er an der Leine wie einen Hund, und dieser ließ sich von den Kindern und Straßenpassanten anfassen und kraulen.
Obwohl der „Lazi“ (lasisch, lazisch geschrieben, zu der Sprache der südkaukasischen Sprachfamilie gehörend), als sehr zahm bekannt war, muss sein Erscheinen in Bernburgs Straßen doch ein ziemliches Durcheinander verursacht haben, jedenfalls wies ihm der damalige Kreisdirektor Bunge (Wohnung Theaterstraße 7/9) einen Stall, in der damals in der „Langen Gasse“ Nr. 6 gelegenen Kreisdirektion, als vorläufige Herberge an.
Noch einige Zeit tollte dann Meister Petz häufig auch als Spielgefährte im landrätlichen Kinderzimmer herum. Mit zunehmender Größe änderte sich das natürlich bzw. wurden die Liebkosungen und der Betätigungsdrang des „Russen“, wie Petz auch genannt wurde, für die Kinder und die Wohnungseinrichtung des, inzwischen Besitzer gewordenen Kreisdirektors Bunge zu einer Gefahr.

Herzogin Friedrike ließ Zwinger errichten
Nach einer Vorführung im Schloss, wo er ebenfalls allerlei Unfug machte, ließ Herzogin Friedrike für ihn 1859/60 am Schloss den Zwinger mit einem Kletterbaum und mit guter Beobachtungsmöglichkeit errichten, in dem er noch mehr als 20 Jahre der Liebling aller Bernburger und ihrer Gäste war.
Lange musste man sich jedoch nur mit diesem einzelnen Bären begnügen, der bis zum 26. Juni 1889 hier im historischen Zwinger lebte.
Der Schlosskastellan war jeweils auch der Bärenvater, die ersten Bärenväter waren Jecht (1859/60) und Kaiser (1860-1879). 1875 bis 1925 pflegte „Bärenvater“ Leinert mit seiner Frau liebevoll die Bernburger Bären. „Bärenvater“ Leinert, der in Bernburg wohlbekannteste Schlossdiener a. D. beging am 14. Dezember 1931 in schöner Rüstigkeit seinen 85. Geburtstag.
Herr Leinert war während seiner 50-jährigen Dienstzeit, von Oktober 1875 bis Oktober 1925, namentlich durch seine Tätigkeit als „Bärenvater“ bekanntgeworden, eine Tätigkeit, die damals noch schwieriger war, als zur Zeit seines 85. Geburtstages, wo man den schönen großen Auslauf besaß.
Mancher erinnerte sich noch, wie Vater Leinert in seinem Garten (wo später der Auslauf war) die jungen Tiere mit der Flasche groß fütterte, wenn sie gar schlecht gedeihen wollten. Noch in seinem hohen Alter machte Herr Leinert täglich seinen längeren Spaziergang.

Heinrich Sack übernahm die Betreuung
1925 übernahm Bärenvater Sack die Betreuung. Heinrich Sack wohnte in der Wolfgangstraße 3; am 10. August 1872 in Obersdorf bei Sangerhausen geboren, war er nach seiner Militärzeit zunächst im Dienste des Fürsten Stolberg-Stolberg tätig und übersiedelte mit Ehefrau um die Jahrhundertwende nach Bernburg, wo er zunächst eine Anstellung bei den Deutschen Solvay-Werken fand.
Im Jahre 1914 kam er zur Polizei und im Jahre 1922 zur staatlichen Bauverwaltung. Zu seinen amtlichen Funktionen, die er hier übernahm, gehörte dann auch die Betreuung der Bernburger Bären, zu der ihn seine angeborene Tierliebe befähigte.

Zu einem Stück Stadtgeschichte geworden
In den 16 Jahren seiner Tätigkeit, die ein Höchstmaß von Pflichtreue und Sorgfalt beanspruchte, hatte er sich den Namen des Bärenvaters erworben, ist er zu einem Stück Bernburger Stadtgeschichte geworden.
Eine Reihe wohlverdienter Ehrungen wurde ihm zuteil, als er nach Erreichen der Altersgrenze aus dem Amte schied. Am 15. Oktober 1924 konnte er mit seiner aus Kalbsauge stammenden Ehefrau (Hochzeit am 15.10.19892 in Neudorf im Harz) das Fest der Goldenen Hochzeit begehen.

Bild 2 von Joachim Hennecke

  • Zweiter Teil

Die Kinder trauern
„Lazi“ beendete am Abend des 26. Juni 1889 plötzlich sein beschauliches Dasein. Gemeinderat beschließt weitere Tierhaltung.
Im September 1876 gab Petz Lazi von seiner bisher noch nicht bekannten Geschicklichkeit im Coupiren von Eisenbahnbilletts einen, allerdings für den Betroffenen doppelt empfindlichen Beweis ab.
Ein junger Mann aus unserer Nachbarstadt Cöthen benutzte seine Anwesenheit hier selbst nach Besorgung seiner Reisegeschäfte, das lebende Wahrzeichen unserer Stadt zu besichtigen. Mit besonderer, indes im vorliegenden Falle nicht zu empfehlender Vorsicht hatte der Reisende sein Billett, welches ihm die Retourfahrt nach Cöthen verbürgte, an seinen Hut gesteckt.
Plötzlich bei irgendwelcher Bewegung oder sonst durch einen tüchtigen Windstoß veranlasst, verlässt der Hut, mit ihm das Billett, seinen Ruhepunkt auf dem Haupte des ahnungslos in den Bärenzwinger Herabschauenden.
Petz, sichtlich überrascht von dem ihm so unverhofft zugehenden Geschenke, erfasst den Hut, zerzaust ihn im Ärger über die Ungenießbarkeit dieses Artikels und lässt schließlich auch das Billett unter seinen Tatzen für jede Retourfahrt unmöglich werden und verschwinden. Barhäuptig und ohne Billett, über dergleichen bodenlose Unhöflichkeit mit Recht erstaunt, verlässt der Reisende den Bärenzwinger.
Lazi verstarb plötzlich am 26. Juni 1889
Unser guter alter Lazi, der jahrelang unserem Bärenzwinger am Schloss zur lebenden Zierde gedient hat, beendete am Abend des 26. Juni 1889 plötzlich sein beschauliches Dasein. Der Todesfall des beliebten Bären rief besonders bei unserer Kinderwelt, welche Meister Petz so oft durch seine possierlichen Kletterkünste ergötzte, schmerzliches Bedauern hervor.
Man sollte jedoch nicht allzu lange warten müssen, damit die „Bärenburg“ ihren berühmten Namen auch für die Folge durch den lebenden Zeugen nach außen hin kenntlich macht.
Gemeinderat beschloss Neuanschaffung
Der Gemeinderat beschloss am 29. Juli die Fortführung der Bärenhaltung als Wahrzeichen unserer Stadt durch Beschaffung eines zweiten Exemplars bzw. zweier Bären auf Rechnung der Stadt.
In allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung begegnete man der vollen Zustimmung zu dem vom Gemeinderat gefassten Beschluss, wonach der Magistrat wegen des ferneren Haltens des Bären bei der herzoglichen Finanz-Direktion vorstellig wurde und sich gleichzeitig zur Anschaffung und Unterhaltung eines zweiten Bären für Rechnung der Stadt erbot.
Die Pflicht, den Bären als Wahrzeichen der Stadt auch ferner zu erhalten wurde als ganz selbstverständlich angesehen, denn was war bei unserer Kinderwelt und den kleinen, auswärtigen Verwandten, die ab und zu zum Besuche bei ihnen weilten, Bernburg ohne Bär?
Freundliche Gesichter und strahlende Augen sah man daher, wenn man ihnen erzählte, dass Bernburg fortan sogar ein Bärchenpaar besitzen sollte. Der verstorbene Bär wurde vom Staat erhalten.
Dem gewiss nicht unbilligen Verlangen der Bevölkerung, dass an diesem Verhältnis nichts geändert werden möge, wurde seitens der fiskalischen Behörden gern Rechnung getragen, denn es wurde ihnen dadurch ja kein neues Opfer zugemutet, sondern sie sollten nur das Wenige weiter leisten, was sie so lange Jahre hindurch gewährt hatten.
Bär kostete damals 120 bis 150 Mark
Nach angestellten Ermittlungen kostete (damals) ein junger Bär 120 bis 150 Mark und die Unterhaltungskosten bewegten sich zwischen 40 bis 50 Pfg. pro Tag. Diese Ausgabe war damals so geringfügig, dass sie sich sowohl der Staat als auch die Stadt, welche für das zweite Exemplar sorgen wollte, leisten konnte, ohne auf ernste finanzielle Bedenken zu stoßen.
So war man ganz der, in der Gemeinderatssitzung am 29. Juli 1889 ausgesprochenen Ansicht zur ferneren Haltung des Bären einer Meinung. Auch vom naturwissenschaftlichen Standpunkt sah man es als wünschenswert an, der Schuljugend nach wie vor ein lebendes Exemplar von Bären vorführen zu können.
Ferner wurde verlautet, dass ein angesehener hiesiger Bürger dem Herrn Oberbürgermeister das Anerbieten gemacht habe, eine „Bärenstiftung“ zu gründen, aus deren Revenuen (Einkommen) das städtische Bärenexemplar angeschafft und erhalten werden sollte, aber nur unter der ausdrücklichen Bedingung, dass auch der Fiskus weiter für seinen Bären sorge.

Neuer Bär aus Russland als Geschenk
In einem vom Kammerherrn, Herrn von Auer-Herrenkirchen, an Oberbürgermeister Pietscher gerichtetem Schreiben wurde am 21. Oktober 1889 mitgeteilt, dass Ihre Großherzogliche Hoheit, die Frau Erbprinzessin die Gnade, gehabt hat, einen Bären aus Russland kommen zu lassen und denselben der Stadt Bernburg als Geschenk zu überweisen.
Somit gelangte Bernburg wieder in den Besitz eines Bären, man hoffte natürlich auch darauf, dass bald das zweite vom Staate zu erhaltene Exemplar folgen würde.
Das Herzogl. Finanzministerium wurde vom Herzoglichen Staatsministerium ermächtigt, zu den auf 100 Mark veranschlagten und je zur Hälfte vom Fiskus und von der Stadtgemeinde Bernburg zu tragenden Kosten, eine Summe von 70 Mark aus dem Baudispositionsfonds zu verwenden, jedoch die vom Bernburger Magistrat beantragte Anschaffung und Erhaltung eines Bären auf fiskalische Kosten abzulehnen.
So beschloss der Gemeinderat am 28. Oktober 1889 einstimmig das Geschenk Ihrer Großherzoglichen Hoheit, der Frau Erbprinzessin, (den jungen Bären) mit verbindlichstem und herzlichstem Danke untertänigst zu akzeptieren und an dem früheren Beschluss festzuhalten, auch für Rechnung der Stadt noch ein zweites Exemplar anzuschaffen und zu erhalten.
Die Erweiterung bzw. Erneuerung des weiterhin zu benutzenden fiskalischen Bärenzwingers war in Aussicht zu nehmen, damit in demselben ein Bärenpaar ausreichenden Platz hat

Bild 3: Joachim Hennecke


  • Dritter Teil

„Lazi“ erfüllt Vaterpflichten
Die Herzogliche Finanz-Direktion erteilte noch Ende Dezember 1889 die Genehmigung zur Ergänzung des Zwingers.
Am 11. November 1889 wurde dem Gemeinderat betr. Erweiterung bzw. Erneuerung des Bärenzwingers ein Projekt mit drei Kostenanschlägen vorgelegt: 1. Errichtung eines neuen, auf irgendeinem Platze freistehenden Bärenzwingers, 2. Teilung des jetzigen Zwingers am Schlosseingang durch eine Eisenwand und Herstellung einer zweiten Höhle, 3. Herstellung eines 3×3 Meter großen Zwingers neben dem jetzigen nebst einer zweiten Höhle.
Die Vorlage wurde der Bau-Deputation zur Beratung übergeben und diese befürwortete das Projekt Unterbringung zweier Bären und deren Jungen als Erweiterung bzw. Ergänzung des jetzigen Bärenzwingers.
Gespräch auf Symbol der Stadt gelenkt
Während der Audienz einer Bernburger Deputation bei den erbprinzlichen Herrschaften am 29. November 1889 in Dessau lenkte Ihre Großherzogliche Hoheit, die Frau Erbprinzessin, das Gespräch auch auf das Symbol der Stadt Bernburg, den Bären.
Sie verkündete, dass sie sich vorgenommen habe, das in Aussicht gestellte Geschenk zu verdoppeln und statt des einen Bären der Stadt Bernburg ein Bären-Paar aus Russland kommen zu lassen.
Die Herzogliche Finanz-Direktion erteilte noch Ende Dezember 1889 die Genehmigung zur Ergänzung des Zwingers.
Höchsten Ortes wurde nun gestattet, dass der hiesigen Stadtgemeinde der fiskalische Bärenzwinger sowie das dazu gehörige landesfiskalische Terrain so lange, als von derselben überhaupt Bären gehalten werden, unter dem Vorbehalte, dass das Eigentum des Fiskus hieran unverändert fortbesteht, unentgeltlich zur Benutzung überlassen wird.
Auch die geplanten Erweiterungsbauten des Zwingers sollten nach dem vorgelegten Plan auf Kosten der Stadt zur Ausführung gebracht werden.
Die Lazis waren wohlbehalten angekommen
Die zwei neuen Lazis, das liebenswürdige Geschenk Ihrer Großherzoglichen Hoheit, der Frau Erbprinzessin Elisabeth Marie, an die Stadt Bernburg, waren Ende Januar 1891 von Russland her auf der Grenzstation Wirrballen wohlbehalten angelangt. Ein herzoglicher Förster hatte sich dorthin begeben, um das lebende Doppel-Wahrzeichen der Stadt Bernburg nach hierher zu geleiten.
Am 6. Februar 1891 trafen die langersehnten Bären als Geschenk der Erbprinzessin Elisabeth Marie in Bernburg ein. Es waren wieder russische Braunbären aus dem Kaukasus, die, nun im Zwinger am Schloss untergebracht, fortan für regelmäßigen Familienzuwachs sorgten, so dass bald der Bau eines zweiten, kleineren Zwingers notwendig wurde.
Christiansbau des Schlosses ist abgebrannt
In der Nacht vom 5. zum 6. Januar 1894, in welcher der Christiansbau des Schlosses einem verheerenden Brande zum Opfer fiel, wurden im Bernburger Zwinger die ersten kleinen Bären geboren.
Unsere jungen beiden Bären wurden im Dezember 1894 an den Inhaber des zoologischen Gartens in Leipzig für den angeblichen Preis von 150 Mark verkauft und wurden nach dort abgesandt.
Da die „Mama“ der braunen Gesellen in Kürze wieder einem freudigen Ereignis entgegensah, so war ja für Ersatz der Scheidenden gesorgt. Auch am 6. Januar 1895, stellte sich Nachwuchs ein.

Bild 4: Joachim Hennecke

Bär an den Zoo in Leipzig verkauft
Zum Leidwesen aller Bernburger Kinder wurde der junge Bär am 4. Oktober 1895 fortgeschafft; er war nach Leipzig an den dortigen Zoo verkauft worden.
In der Nacht von Sonntag, den 5. Januar 1896 zu Montag hat das Bärenpaar mit möglichster Pünktlichkeit unsere Stadt mit drei jungen Bären beschenkt.
Diese drei jungen Bären wurden Mitte April von ihrer Mutter getrennt, und gaben ihrem „Bärenschmerz“ einen lebhaften – für die gefühllose Menschheit freilich recht drolligen – Ausdruck. Sie betrugen sich nach der Versicherung des Zeitungs-Berichterstatters wie „ungezogene Rangen“.
Einer der jungen Bären wurde im September 1896 nach Duderstadt verkauft und mittels Eisenbahn dorthin gebracht. Wieder zwei junge Bären erblicken im Januar 1897 in unserem Zwinger das Licht der, für sie freilich etwas engen, Welt.
Bären wurden nachts unfreiwillig eingeschlossen
Im April 1897 fand der Wärter im Bärenzwinger eine zerbrochene Leiter; der wohl beabsichtigte Schurkenstreich hatte zur Folge, dass die Bären des Nachts in die Höhle eingeschlossen wurden.
Man fand auch eine Steinplatte, auf der einer der erzenen Bären steht, seitlich verschoben, so dass bei der Schwere derselben Mehrere an der Tat beteiligt gewesen sein mussten.
Lazi gab am 5. Januar 1898 bekannt: drei Bärenjungen sind angekommen. Es war bereits ein Herr aus Dessau hier eingetroffen, um in Unterhandlung über den eventuellen Kauf der drei behäbigen Bärenbabys zu treten.
Vater Lazi musste dann auch nach einigen Wochen wohl oder übel drei weniger zählen wenn er die Häupter seiner Lieben zählte. Aber am 2. Februar 1898 tappten die jungen Bären erst einmal aus ihrer dunklen Unterkunft kommend ins Freie und wälzten sich in drolliger Plumpheit im Zwinger herum.
Neues Domizil in Nordhausen bezogen
Ende September verließen die drei Jungbären unseren Zwinger und bezogen ihr neues Domizil in Nordhausen, woselbst sie von dem Inhaber des Restaurants „Wilhelmshöhe“ für den Preis von 229 Mark käuflich erworben worden sind.
Prompt und gewissenhaft die Leistungsfrist innehaltend, pflegte Vater Lazi alljährlich zu Anfang des Januars unsere Stadt mit Nachwuchs zu erfreuen. Am frühen Morgen des 7. Januar 1899 kam der Bärenstorch und bescherte uns mit einem Zwillingspaar, am Nachmittag folgte der vergessene obligatorische dritte Kleine.
Die drei jungen Bären traten am 2. November 1899 die Reise nach Dirschau an, wohin sie für 300 Mark verkauft worden waren. Die beiden alten Bären im Schlosszwinger wurden am 18. Oktober 1899 von böswilliger Hand mit roter Farbe bespritzt, wie sie bei den Gitteranlagen am Schlossberge gegenwärtig verwendet wurde.

Bild 5: Joachim Hennecke


  • Vierter Teil

Der „Storch“ ist regelmäßig zu Gast
Jungtiere „durften“ beim „Kornblumentag“- Festumzug am 11. Juni 1911 teilnehmen.
Die 1900 geborenen jungen Bären aus dem Schlosszwinger gingen am 1. Oktober 1900 in den Besitz des Direktors Max Reifahrt vom Zirkus Royal über, der anlässlich des damaligen Schützenfestes bereits mit einem aus dem hiesigen Zwinger stammenden Bären als Kunstreiter auf dem Schützenplatze gastierte. Der Kaufpreis betrug 150 Mark.
Die beiden kleinen Bären wurden am Morgen des 6. Oktober 1900 noch einmal, jeder mit einem Maulkorb versehen und an eine Kette gelegt, durch die Straßen geführt.
Bärin bringt zwei Junge zur Welt
In der Nacht zum 7. Januar 1901 hatte die Bärin zwei Junge geworfen. Am 21. April 1902 wurden die jungen Sprösslinge von der Mama getrennt, die sich nun wieder beim „Herrn Gemahl“ befand.
Die kleinen Lazis wurden bereits in den vergangenen Tagen während ihrer drolligen Kletterspiele auf einer Leiter photographiert und waren nun schon auf Ansichtskarten „verewigt“, die zahlreiche Abnehmer fanden. Diese beiden jungen Bären wurden an den Burgwirt des Felsen Bärenstein bei Königstein in der Sächsischen Schweiz verkauft und traten Ende September 1902 ihre Reise nach ihrem neuen Bestimmungsorte an.
Zwei Jahre später wieder Bärenglück
1903 wieder Bärenglück: Im Bärenzwinger hatte am 7. Januar wieder einmal der Storch Einkehr gehalten und die Insassen mit zwei drallen Sprösslingen beschenkt. Leider dauerte die Elternfreude der hiesigen Familie Petz nur kurze Zeit, und was den „alten Lazi“ anbetraf, so verspürte er wohl kaum etwas derartiges, denn – „es greift der Mensch mit rauer Faust – dahin, wo holde Eintracht haust“.
Die Bärin hatte bisher im Ganzen 22 Junge geworfen. In der Nacht zum 4. Januar 1904 kamen in gewohnter Promptheit zwei muntere Bärenbabys zur Welt, die beiden jungen Bären wurden im Juni an den Schützenhauswirt in Burg bei Magdeburg verkauft und wurden am 20. September 1904 von hier abgeholt. Am 5. Januar 1905 kehrte wieder der Storch im Bärenzwinger ein und brachte der Bärenmama drei junge Bären.
Druckfehler gab es damals schon
Dass es im Jahr 1906 auch schon Druckfehler gab, beweist die Anzeige in der Bernburgischen Zeitung vom 8. Januar 1906, denn die zwei Bärenjungen kamen nicht 1905, sondern am 8. Januar 1906 zur Welt.
Sie wurden der Fürstin von Schwarzburg-Sondershausen von der Stadt zum Geschenk gemacht und verließen am 14. September 1906 den heimischen Wigwam und wurden nach Sondershausen transportiert. Mit prompter Pünktlichkeit kehrte auch im Januar 1907 der Storch im Bärenzwinger ein. Wie bisher alle Jahre, waren zwei junge Bären angekommen.
Mitte April 1907 zeigte sich der jüngste Nachwuchs unserer Bärenfamilie ganz ungeniert in der Öffentlichkeit. Es waren zwei prächtige Bärenkinder, und sie fühlten sich offenbar äußerst wohl.
In ihrem Spiel waren sie unermüdlich und die Frau „Mama“ gab sorgsam Obacht, dass ihren Jüngsten nichts geschehe. Der „Bärenpapa“ hatte nun einige Tage Stubenarrest, weil in seinem Zwinger ein neuer Kletterstamm errichtet wurde. Der alte „Baum“ war abgenutzt und gebrechlich geworden, so dass „Lazi“ das Malheur passieren konnte, mitsamt dem Baum in die Tiefe zu purzeln.

Bild 6: Der Zwinger (von Joachim Hennecke)

Nachwuchs an Händler in Hannover verkauft
Der drollige Nachwuchs des Bärenpaares von 1907 wurde von der Stadt an einen Händler in Hannover verkauft; am Morgen des 7. Oktober 1907 wurden die beiden Bärenbabys in zwei Käfigen nach dem Bahnhof gebracht.
Der Käufer beabsichtigte, die Tiere nach Amerika zu bringen. In der Nacht vom 9. zum 10. Januar 1908 kamen mit gewohnter Pünktlichkeit zwei junge Bären bei der Bärenfamilie im Zwinger am Schloss an. Die ersten beiden Jungen wurden von der Bärin in der Nacht vom 5. zum 6. Januar 1894 (Schlossbrand) geboren.
An Jungen folgten 1895 einer, 1896 drei, 1897 zwei, 1898 drei, 1899 drei ,1900 zwei, 1901 zwei, 1902 zwei, 1903 zwei, 1904 zwei, 1905 drei, 1906 zwei, 1907 zwei und nun wieder zwei; demnach in 14 Jahren 33 Junge.
Wieder einige freudige Ereignisse
Wieder ein freudiges Ereignis traf bei unserer Bärenfamilie am 8. Januar 1909 ein. In der Nacht hat ein kleiner Bär das Licht der Welt erblickt. Bisher waren es meist 2 oder 3 Junge, mit denen die Bäreneltern beglückt wurden.
Unsere Bärenfamilie schickte im September einen jungen Bären hinaus in die Welt, er kam nach Debschwitz bei Gera in das dortige Gartenlokal „Zoologischer Garten“. Am Sonntag, 9. Januar 1910, bescherten unsere Bären uns mit einem Paar „Sonntagsjunge“, von denen leider das eine tot zur Welt kam.
Der Nachwuchs im Jahr 1911 stellte sich im städtischen Zwinger am 12. Januar kurz nach Mittag ein und bescherte uns wieder zwei junge Bären. Diese zwei drolligen Bärchen durften sogar beim „Kornblumentag“- Festumzug“ am 11. Juni 1911 teilnehmen, auf einem Festwagen war ein Zwinger errichtet worden, indem sie zum größten Gaudium, besonders der Jugend, herumturnten.
Im September 1911 wurden die beiden jungen Bären verkauft, am 2. Oktober frühmorgens eingefangen und in zwei Kistenkäfigen zur Bahn transportiert.
Dem einen Bären schien der Wechsel des Aufenthaltsortes durchaus nicht zu behagen, er wollte nicht in den Käfig und wusste immer wieder in den Zwinger zu entwischen. Mit Stangen und Besen wurde er aber endlich in die Kiste gerieben.
Auch 1912 wurde vom Bärenzwinger das freudiges Ereignis gemeldet: Am 13. Januar ist dort ein Bärenbaby angekommen. Der junge Bär bereitete im Sommer durch seine Kletterkunststücke den Besuchern des Zwingers viel Vergnügen.
Vom Kletterbaum gestürzt
Durch unermüdliche Übung hatte das Tierchen seit einiger Zeit gelernt, den großen Baumstamm bis zur höchsten Spitze zu erklimmen. Anfang August stürzte er jedoch vom Kletterbaum aus voller Höhe herab und verstauchte sich dabei die linke Vorderpfote.
Das Tier erholte sich von seinem Sturze aber schnell wieder, so dass es bereits nach ein paar Tagen seine Kletterkunststückchen wieder aufnahm.